Meist gibt es eine Person, auf die sich ein Unternehmen stützt, ohne es recht zu merken. Sie weiß, welcher Kunde beim letzten Mal welche Ausnahme bekam, wo die richtige Vorlage liegt und warum man es damals anders gemacht hat als im Handbuch steht. Solange sie da ist, läuft alles rund, und niemand merkt, wie viel an ihr hängt. Dann fällt sie zwei Wochen aus, und eine ganz gewöhnliche Aufgabe bleibt liegen, weil das Wissen, das sie braucht, nirgends steht. Es lebte in einem Kopf.
Diese Szene ist der Kern dessen, was man Wissensmanagement nennt, und die meisten Unternehmen behandeln sie als Werkzeugfrage. Ein neues Tool, ein Wiki, ein weiterer geteilter Ordner. Am Werkzeug liegt es selten. Wissen lässt sich nicht verwalten, solange man es nicht sieht, und sichtbar wird es erst, wenn es an einer Aufgabe hängt und an einer Rolle, nicht an einem Namen. Das ist die erste Bewegung. Die zweite entscheidet, ob es sichtbar bleibt.
Warum das wertvollste Wissen unsichtbar ist
Der Chemiker und Philosoph Michael Polanyi hat dafür einen Satz geprägt, der bis heute jede Form von Erfahrungsarbeit beschreibt: Wir wissen mehr, als wir sagen können. Eine erfahrene Mitarbeiterin liest einen Kunden in den ersten Minuten eines Gesprächs und trifft eine Entscheidung, ohne genau erklären zu können, woran sie es gemerkt hat. Dieses stille Wissen ist oft das wertvollste im Betrieb, und aus demselben Grund ist es unsichtbar. Niemand hat es je aufgeschrieben, weil es sich nie so anfühlte, als müsste man.
Solange das Wissen still bleibt, zahlt das Unternehmen weiter dafür. In einer Untersuchung von Deloitte zum Wissensmanagement sagten 29 Prozent, es sei schwer oder nahezu unmöglich, das für die tägliche Arbeit nötige Wissen aus den eigenen Systemen zu holen, während nur 19 Prozent das über den Weg zur Kollegin sagten. Also fragt man die Kollegin, weil Fragen der Weg mit weniger Reibung ist, und das Wissen bleibt in Köpfen, die nie als Ablage gedacht waren. Es ist eine stille Rechnung, weil sie in keiner Bilanz auftaucht.
Vom Kopf zur Aufgabe
Die Managementforscher Ikujiro Nonaka und Hirotaka Takeuchi haben in ihrer Arbeit über wissensschaffende Unternehmen den entscheidenden Schritt beschrieben: stilles Wissen ausdrücklich machen. Das, was in einem Kopf steckt, in eine Form bringen, die ein anderer nutzen kann. Für den Alltag bedeutet das vor allem, die Frage zu wechseln. Weg von „Wer weiß das?“ und hin zu „Welche Aufgabe braucht welches Wissen?“. Sobald das Wissen an einer Aufgabe hängt und nicht an einer Person, kann jemand anderes sie übernehmen, und der Betrieb kommt nicht ins Stocken, wenn ein Kalender einmal leer bleibt.
Dieser Wechsel ist mehr als eine Formulierung. Wer nach Personen ordnet, baut Abhängigkeiten. Wer nach Rollen und Aufgaben ordnet, baut ein System, das sich weiterreichen lässt. Die Person bleibt genauso wichtig, sie trägt nur nicht mehr allein das, was eigentlich dem Unternehmen gehören sollte.
Die Jacke und der Haken
Damit ist die Hälfte getan. Die andere Hälfte ist der Grund, warum so viele Wissensdatenbanken nach drei Monaten still verwaisen. Man kann Wissen einmal sichtbar machen und es an einen Ort legen, den im Alltag niemand ansteuert. Dann ist es wieder unsichtbar, nur mit mehr Aufwand als vorher.
Es ist wie mit der Jacke, wenn man nach Hause kommt. Wenn der Haken nicht dort hängt, wo die Hand beim Reinkommen ohnehin hingeht, landet die Jacke über dem Stuhl. Das passiert nicht aus Nachlässigkeit. Es passiert, weil der vorgesehene Platz der falsche ist, und man sieht es daran, dass es im Haus trotzdem chaotisch wirkt, obwohl der Haken existiert. Es ist derselbe Grund, aus dem man lieber die Kollegin fragt, als das System zu öffnen: Man nimmt den Weg, der am wenigsten Reibung kostet. Wer will, dass die Jacke am Haken hängt, hängt den Haken dorthin, wo die Hand schon ist.
Für eine Wissensablage folgt daraus dreierlei. Der Ort muss dort liegen, wo die Arbeit ohnehin passiert, damit man ihn nicht als zweites System extra öffnen muss. Er muss so einfach sein, dass Eintragen weniger Mühe kostet als Nachfragen, denn sobald Nachfragen leichter ist, gewinnt das Nachfragen. Und er muss mitwachsen und sich umziehen lassen, damit man ihn in zwei Jahren erweitert oder migriert, statt ihn wegzuwerfen und von vorn anzufangen.
So fängst du diese Woche an
Ohne Umbau, ohne neues Programm. Nimm eine einzige Aufgabe, die stehen bleibt, sobald eine bestimmte Person nicht da ist, und mach ihr Wissen sichtbar:
- Benenne die Aufgabe, nicht die Person. Schreib auf, welche wiederkehrende Aufgabe es ist und welches Wissen sie verlangt, damit ein anderer sie übernehmen könnte. Der Name der Person gehört nicht in diese Zeile.
- Stell drei Fragen. Woran erkennst du, dass es losgeht? Was brauchst du, bevor du anfängst? Woran siehst du, dass es fertig und gut ist? Die Antworten sind das stille Wissen, ausgesprochen.
- Schreib es an den Griffpunkt. Leg die Antwort genau dorthin, wo die Aufgabe im Alltag stattfindet, nicht in einen neuen Ordner auf einem anderen Laufwerk. Eine Zeile am richtigen Ort schlägt eine ganze Seite am falschen.
- Prüf es an einem Menschen. Lass jemanden, der die Aufgabe nicht kennt, ihr allein folgen. Wo er stockt, war das Wissen noch im Kopf, und genau dort schreibst du die nächste Zeile.
Eine Aufgabe pro Woche reicht. Nach ein paar Wochen hängt das Wissen an Aufgaben statt an Köpfen, und der Betrieb hört auf, an einzelnen Personen zu hängen.
Der Rest ist Ort
Wissen, das nur in einem Kopf lebt, gehört dem Unternehmen nicht wirklich. Es ist geliehen, bis zum nächsten Urlaub. Sichtbar und haltbar wird es an dem Tag, an dem es an einer Aufgabe hängt und an einem Ort liegt, den die Hand von selbst findet. Der richtige Ort ist immer der, an den die Hand von selbst greift. Alles andere wandert früher oder später zurück über den Stuhl.
In der nächsten Folge des Clarity Playbooks geht es um den nächsten Baustein der Klarheit. Jede Folge bringt eine Methode, die auf der vorigen aufbaut.
Ein letzter Gedanke, falls sich das undankbar liest. Aufzuschreiben, was nur du weißt, kann sich anfühlen, als gäbst du genau das her, was dich unentbehrlich macht. In der Praxis befreit es dich. Sobald das Wissen an der Aufgabe hängt und nicht in deinem Kopf, bist du nicht mehr die Person, die nie ganz gehen kann, und die Stunden, in denen du die Einzige warst, die helfen konnte, kommen zu dir zurück, für die Arbeit, die nur du als Nächstes tun kannst.
Wer sich um seine Systeme kümmert, kümmert sich um seine Leute.
Elisa
Diesen Artikel schreibt Elisa Winkelmann mit Unterstützung von KI und unter ihrer redaktionellen Verantwortung.
Quellen
- Michael Polanyi, The Tacit Dimension (1966). „Wir wissen mehr, als wir sagen können“ — das Fundament dafür, warum Erfahrungswissen von Natur aus unsichtbar ist. (Buch.)
- Ikujiro Nonaka & Hirotaka Takeuchi, The Knowledge-Creating Company (1995); ebenso Nonaka, „The Knowledge-Creating Company“, Harvard Business Review (1991). Zum Schritt, stilles Wissen ausdrücklich zu machen.
- Sandy Becker & Faris Behme, „The new organizational knowledge management“, Deloitte Insights (2021). Quelle der 29-%-/19-%-Zahl.
- Galan u. a., „Knowledge loss induced by organizational member turnover“, The Learning Organization, 30(2) (2023), Emerald. Peer-Review-Überblick dazu, was mit den Menschen verloren geht.